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Digitale Transformation: Und was macht der Chef?

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Digitale Transformation, Digitalisierung, Mittelstand, Standpunkt, Studie

Digitalisierung ist Chefsache lautet die Schlagzeile in vielen Veröffentlichungen. Ist das richtig? Wenn Ja, was soll der Chef dann machen? Wenn Nein, wer dann und was dann?

Um diese Fragen zu diskutieren gehe ich einmal back to the roots: Welche Aufgabe hat der Chef eines mittelständischen Unternehmens? Als ich über diese Frage nachdachte, habe ich mich an mein Studium erinnert. Ich hatte das große Glück, Dr. Peter Dietz zu meinen Dozenten zu zählen. Dietz war Inhaber und Chef einer der letzten „richtigen“ Computerfirmen in Deutschland. Als ich ihn kennenlernte, lag der Verkauf der Dietz Computer Systeme bereits lange zurück; mittlerweile leitete er seine eigene Venture Capital-Firma im Ruhrgebiet, und er lehrte nebenbei an der Uni Dortmund. Sein Seminar „Entrepreneurship“ besuchte ich gleich zweimal. Wir haben Geschäftsideen und -modelle entwickelt und Business-Pläne geschrieben.

Bei der Diskussion des Organigramms einer unserer fiktiven Gründungen, vermisste ein Kommilitone die Zuständigkeit des Chefs. Dass der Marketingleiter das Marketing leitet und der Vertriebsleiter den Vertrieb, ist klar. Aber der Chef? Mein Kommilitone fragte also Dietz: „Und was macht der Chef?“. Peter Dietz antwortete: „Im Zweifel: Alles!“

Diese Antwort begleitet mich noch heute. Weil jedes Wort wichtig ist. Alles, wofür der Chef beim Aufbau der Organisation nicht Sorge getragen hat, alle Aufgaben, die er keinem Zuständigen übergeben hat, bleiben – wohl oder übel – an ihm selbst hängen. Anders gesagt: Immer wenn der Chef seine eigentliche Management-Aufgabe nicht gemacht hat, bleibt die Fachaufgabe an ihm hängen.

Klingt trivial, oder? Muss so etwas in einen Blog-Artikel zum Thema Digitalisierung/Digitale Transformation im Jahre 2016? Offensichtlich schon. Denn allenthalben stellen die Medien fest, die Digitalisierung ist Chefsache. Warum? Und was bedeutet das? Bevor ich diese Fragen diskutiere, möchte ich ein paar Beispiele nennen:

  • Eine aktuelle Veranstaltung, die sich Digital Leadership Summit nennt, bewirbt ihre erste Ausgabe mit dem Slogan „Digitalisierung ist Chefsache“.
  • 2014 schrieb die Computerwoche unter der Überschrift „Digitalisierung ist Chefsache“ in der Medienbranche:
    „Wohlgemerkt, es sind die Geschäftsführer selbst, die sich mit den Chancen der Digitalisierung beschäftigen – denn hier geht es ans Eingemachte. Warum ist das erwähnenswert? Weil uns viele Analysten und Unternehmensberater immer wieder suggerieren, es seien die IT-Chefs, die für die Digitalisierung verantwortlich seien. Ein regelrechtes Kesseltreiben ist zu beobachten, nach dem Motto: ‚Tu was, CIO!'“
  • Das CIO-Magazin betont den Kostenaspekt: „Um die Potenziale auszuschöpfen, sind erhebliche Investitionen erforderlich. Daher nimmt das Thema zwingend einen Spitzenplatz auf der Agenda der Chefs deutscher Industrieunternehmen ein.“
  • Das Online-Magazin entwickler.de sieht das Thema wie folgt:
    „So stellt sich etwa in traditionell geführten Familienbetrieben oft nicht die Frage nach der fachlichen Kompetenz der Führungsetage – der Chef-Titel wird an die folgende Generation vererbt. Eine zukunftsorientierte digitale Strategie findet man hier oft vergebens. Schließlich müssen bei der Digitalisierung mittelständischer Geschäftsmodelle schmerzhafte Fragen formuliert werden, die grundsätzliche Arbeitsabläufe und traditionelle Strukturen in Frage stellen. Die Digitalisierung von mittelständischen Unternehmen kann und darf nicht die Aufgabe einer IT-Abteilung sein und so mahnte auch die Kanzlerin kürzlich die Chefetagen mittelständischer Unternehmen, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden – Digitalisierung sei die Aufgabe des CEO.“
  • Eine Studie von Detecon und Bitkom aus dem April 2016 kommt zu dem Ergebnis: „Nicht der Chief Digital Officer, sondern der CEO und der CIO bleiben die Hauptverantwortlichen für die digitale Strategie im Unternehmen.“
  • Im Juli 2016 stellt eine Studie von CSC fest: „Im Wettlauf zur schnelleren Marktreife setzt die Mehrheit der DACH-Unternehmen darauf, die Digitalisierung zur Chefsache zu machen.“

Diese Beispiele sollten ausreichen, um einen Eindruck der Berichterstattung zu geben. Was kann man hier erkennen? Ich finde folgende Punkte bemerkenswert:

  1. Wenn man die zitierten Texte vollständig liest, fällt die fehlende Differenzierung der Begriffe „Digitalisierung„, „Digitale Transformation“ und „Disruption“ auf. Es ist jedoch etwas völlig anderes, ob man zum Beispiel einen Arbeitsschritt in einem Produktionsprozess von Handarbeit auf digitale Automatisierung umstellt (Digitalisierung) oder ob man sein Preismodell von monatlichen Fixbeträgen zu Einzelfallabrechnung verändert, weil digitale Systeme das heutzutage erlauben (Digitale Transformation am Beispiel Taxizentrale versus MyTaxi).
  2. Die Computerwoche meint, die Digitalisierung sei keine Aufgabe der IT-Chefs. Ich meine: Es kommt drauf an, was man unter Digitalisierung versteht. Wieder einmal geht es um eine Begrifflichkeit. Wieder einmal plädiere ich hier für eine klare Kommunikation. Meine Erfahrung aus vielen Gesprächen ist, dass das Verständnis der Begriffe bei unserer Zielgruppe (mittelständische Unternehmer, die bislang nicht tief in die digitale Welt eingetaucht sind) nicht durchgehend gegeben ist. Woher sollte das Verständnis auch kommen, wenn wir, die wir „Digitalisierung“ betreiben, sehr verschiedene Dinge darunter verstehen? Folgende Beispiele aus unserem unmittelbaren Umfeld zeigen, was verschiedene IT-Dienstleister oder Berater unter Digitalisierung verstehen:  „Umstellung von installierter Software auf Cloud-Lösungen“, „Prozessautomatisierung“, „Erfinden neuer, digitaler Produkte“, „Veränderung des Preismodells von monatlicher flat Rate zu Einzelabrechnung“, „Wandel vom Händler zum Betreiber eines digitalen Marktplatzes“.
  3. Die Medien berichten über zwei verschiedene Aspekte unter der gleichen Schlagzeile. Entweder ist gemeint
    1. Der Chef IST bereits der Verantwortliche für das Digitale
      oder
    2. Der Chef SOLLTE der Verantwortliche sein.Sprechen wir also von einer Empfehlung „Digitalisierung ist Chefsache“ oder von einer Feststellung? Falls Ersteres: Warum? Falls Letzteres: Wie bewerten wir das?
  4. Viele Beiträge arbeiten für mich nicht klar heraus: UND WAS MACHT DER CHEF?

Das ist für mich die Frage, über die sich zu reden lohnt.

Hier ein paar eigene Beispiele aus dem Digitalisierungsgeschäft unserer Schwesterfirma Linkwerk der vergangenen zwanzig Jahre, bei denen der CEO zu Recht nicht involviert war.:

  • Ein produzierender Betrieb mit 300 Mitarbeitern ersetzt ein analoges Werkzeug seines Produktionsprozesses durch ein digitales Tool, um schneller, günstiger, besser etc zu produzieren. Die Aufgabe, das neue Tool auszuwählen und einzuführen, kann doch nicht dem Geschäftsführer zufallen, oder?
  • Ein Verlag mit 80 Mitarbeitern will das manuelle Setzen seiner Veröffentlichungen mit einem DTP-Programm durch einen vollautomatischen Satz-Prozess ersetzen. Hier sollte doch nicht der Verleger den Herstellungsprozess optimieren und die Software einführen, oder?
  • Eine Fluggesellschaft will die ausgedruckten Wartungsanweisungen für die Techniker durch digitale Anweisungen auf mobilen Geräten ersetzen. Ist das eine Aufgabe für den CEO der Airline? Sicher nicht.

Das sind drei Beispiele für Digitalisierung, in denen der Chef nicht mehr getan hat, als den Auftrag zu unterzeichnen. Es bleibt die Frage:

UND WAS MACHT DER CHEF?

Meine kurze Antwort lautet: Das gleiche wie immer.

Die lange Antwort:

Wenn wir über bloße Digitalisierung – wie in den obigen Beispielen – reden, kümmern sich die Fachleute um diese Aufgabe. Punkt.

Wenn es darum geht, das Unternehmen grundsätzlich neu auszurichten, zentrale Aspekte des Geschäftsmodells neu zu definieren oder das Leistungsportfolio grundlegend neu zu fassen, dann fällt dem Chef die gleiche Rolle zu, die er schon bei der Gründung des Unternehmens inne hatte: Aufbau einer funktionierenden, der Aufgabe angemessenen Organisation. Hier kann die Rolle des CEOs gar nicht überschätzt werden. Das ist vor allem seine Aufgabe.

Aus diesem Grund ist die oben genannte Anekdote aus meinem Entrepreneurship-Kurs relevant: Die Aufgabe der Digitalen Transformation ist vergleichbar mit dem Neu-Aufbau eines Unternehmens. Allerdings haben Gründer einen Vorteil: Sie haben keine vorhandene Struktur. Etablierte Unternehmen haben einen Veränderungsprozess vor sich, deshalb heißt es ja digitale TRANSFORMATION. Und das ist schwieriger – oder zumindest anders – als auf der grünen Wiese neu zu bauen. Aber die Aufgabe der Chefs ist keine andere als sonst: Sorge dafür, dass der Laden rund läuft. Alles, was du nicht an deine Mitarbeiter abgegeben hast, musst du selbst machen.

Meine Beobachtung: Viele Chefs haben das verlernt. Oder sie haben es nie gelernt. Wer als Nachfolger in einen bestehenden, eingearbeiteten Betrieb hineinwächst, für den gehören Unternehmensaufbau und -umbau nicht zum Erfahrungsschatz. Obendrauf kommt noch das Thema „Digital“ von dem gestandene Chefs nicht immer Ahnung haben und deshalb fremdeln. Wer dann auch noch liest, Digitalisierung ist Chefsache, verfällt endgültig in den Kaninchen-vor-der-Schlange-Modus. Wenn ich mich nicht bewege, sieht mich die Digitalisierung nicht.

Doch: Chefs müssen nicht programmieren können. Sie müssen Veränderung managen. Das kann man lernen. Aber: Wieviele Chefs haben sich in der Vergangenheit um die Entwicklung ihrer eigenen Person gekümmert. Zielgerichtete Personalentwicklung wirkt auf die Mitarbeiter. Wer entwickelt jedoch den Chef? Das ist eine Aufgabe für den Unternehmer. Wenn Chef und Unternehmer ein- und dieselbe Person sind, fehlt die externe Kontrolle, Steuerung und Entwicklung. Ein Coach, den der Unternehmer-Chef vielleicht beauftragt hat, coacht aber das, was er kann und wofür er bezahlt wird. Wieviele Unternehmer-Chefs haben sich in den vergangenen Jahren digital coachen lassen? Oder: Wieviele haben Change-Management gelernt?

Die Geschäftsführer von mittelständischen Unternehmen sind jetzt vor allem in einem Punkt gefordert: Erkennen, was sie können und was nicht. Lernen, welche Skills sie jetzt brauchen und diese entwickeln. Selbstbewusstsein nicht davon abhängig machen, ob sie die Details der digitalen Transformation verstehen. Dafür gibt es Experten, die sowohl auf der Fach- als auch auf der Management-Ebene Aufgaben abnehmen. Mit einigen kann man sogar langfristig kooperieren – mit Kutura zum Beispiel. Neugierig, wie das geht? Dann nehmen Sie jetzt Kontakt auf!

 

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