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Verstehen wir uns? – Was ist Digitalisierung?

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Digitalisierung, Standpunkt

In der medialen Öffentlichkeit, bei Konferenzen und Kongressen wird viel und häufig über die Digitalisierung, die Digitale Transformation und Disruption gesprochen. Oft werden die Begriffe synonym verwendet. Doch das sind sie nicht — oder zumindest fehlt es an einer klaren Abgrenzung. Ob die Ursache dieses sprachlichen Durcheinanders mangelndes Verständnis der Thematik oder schlicht ungenaue Kommunikation ist, lässt sich nicht sagen. Was jedoch die Folge davon ist, liegt auf der Hand: Der Leser oder Zuhörer, der in der Regel mit dem Thema nicht vertraut ist, hat keine Chance die unterschiedlichen Bedeutungen zu erkennen.

Grund genug, in einer kleinen Beitragsreihe die Begriffe genauer zu betrachten und unser Verständnis zu vermiteln. Im ersten Teil beginnen wir mit der „Digitalisierung“.


Auch ohne die Gegenüberstellung aller drei Begriffe bedarf das Wort „Digitalisierung“ einer Klärung. Wikipedia listet auf der entsprechenden Seite vier Bedeutungen auf, von denen zwei an dieser Stelle interessant sind. Einerseits verweist Wikipedia auf die „Digitale Revolution“, also das Thema, das heute meist gemeint ist, wenn jemand von „Digitalisierung“ spricht. Andererseits taucht aber auch der klassische und wörtlich gemeinte Begriff der Digitalisierung auf.

Dem Wortsinn nach geht es darum, analoge Signale in digitale zu überführen. Bei der Aufnahme von Musik und Umsetzung auf eine CD passiert das. Ebenso beim Fotografieren mit der Digitalkamera. Genauso beim Scannen von Dokumenten. Eine optische Abtastung einer Vorlage wird durch das Scanning in digitale Werte verwandelt. Die Auflösung bestimmt die Genauigkeit des Vorgangs; im Allgemeinen kann man sagen, dass ein Verlust auftritt, weil der Vorgang die analogen Ausgangsgrößen in abgestufte (diskrete) Werte abbildet.

Was hat das nun mit der Digitalisierung der Industrie, des Gewerbes oder der Gesellschaft zu tun?

Der wesentliche Punkt ist, dass die Digitalisierung bemüht ist, einen a priori bestehenden Ablauf, ein Produkt oder ein Geschäftsmodell so identisch wie möglich in digitaler Form zu reproduzieren. Der Nutzen besteht dabei meist in einer Optimierung, die z.B. zu einer Kostenreduktion führt. Beispiele gibt es viele. So ersetzt die E-Mail in vielen Fällen den klassischen Brief, ein Karteikasten wird durch eine Datenbank ersetzt und so weiter. Die möglichst geringe Veränderung, die dabei angestrebt ist, bezieht sich auf die Akzeptanzfähigkeit der Neuerung beim Nutzer. Ein äußeres Zeichen dafür ist die visuelle Darstellung: Die Funktion der E-Mail wird häufig durch einen Briefumschlag dargestellt; die Ablage von Dateien verwendet als Icon eine Hängeregistratur usw. Interessant ist, wie hartnäckig sich solche Visualisierungen halten. Manche besitzen gar keine erklärende Wirkung mehr, weil das dargestellte Konzept nicht bekannt ist.

Erklären Sie Ihrem Azubi mal, weshalb er zum Speichern eines Dokuments auf das Symbol „Diskette“ klicken soll! Im Zahlungsverkehr haben in unserer Firma erst kürzlich schriftliche Überweisungsträger und Schecks für Aufsehen gesorgt. Der damit betraute Mitarbeiter kannte das Konzept nicht. Warum auch? Wenn Sie eine Mail per CC schicken, wie vermitteln Sie einem Mittzwanziger, was bitteschön eine „carbon copy“ ist!?

Bei all diesen Beispiel geht es also darum, etwas Neues durch etwas Bekanntes, Erprobtes zu ersetzen, um eine höhere Wertschöpfung zu bekommen. Eine wesentliche Innovation ist damit oft nicht verbunden; vielmehr geht es um ein digitales Abbild des Bekannten. So verstehen wir auch den Begriff der Digitalisierung. Das macht die Digitalisierung nicht schlechter, grenzt aber ihr Innovationspotential ein.

Im nächsten Beitrag stellen wir die „Digitalisierung“ unserem Verständnis des Begriffs „Digitale Transformation“ gegenüber.